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Arbeiten 1950
Schule 1960
Arbeiten 2016
Schule 2020
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Pädagogisches Bauen auf dem Campus Efeuweg

FACHKONGRESS

Am 9.9. trafen sich Wissenschaftler, ansässige Akteure, Politiker und interessiertes Fachpublikum, um gemeinsam an der Weiterentwicklung der neuen Bildungslandschaft im Süden Berlins zu arbeiten. Nach spannenden Fachvorträgen von Professor Dr. Jörg Ramseger FU Berlin und Prof. Dr. Thomas  Coelen, Universität Siegen zum Thema „Pädagogisches Bauen in der wachsenden Stadt“ arbeiteten die Teilnehmer in sieben Workshops, um der planenden Projektgruppe Erfordernisse, Wünsche und potenzielle Problembereiche mit auf den Weg zu geben. Bildungssenatorin  Sandra Scheeres und Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel  besuchten den Kongress und stellten sich in einer Podiumsdiskussion Fragen von Schülerinnen des OSZ Lise-Meitner.

 

„Ich finde die Ideen klasse, die hier entwickelt worden sind. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam dieses Projekt auf den Weg bringen.“

Sandra Scheeres,
Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft


„Mit dem Campus Efeuweg geben wir eine Antwort auf die Frage, wie sieht soziale Stadtentwicklung aus. Wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die finanziellen Möglichkeiten dazu zu schaffen.“

Andreas Geisel,
Senator für Stadtentwicklung und Umwelt


„Wir müssen hier in der Gropiusstadt erreichen, dass Familien mit schulpflichtigen Kindern nicht abwandern. Ohne andere Schule zu vernachlässigen, muss man die Chance nutzen, eine Bildungslandschaft  im Stadtteil zu  entwickeln. Das Projekt ist mehr als ein Bildungsprojekt, es ist auch ein Stadtentwicklungsprojekt. Der Campus Efeuweg muss unbedingt weitergehen.“

Franziska Giffey,
Bezirksbürgermeisterin  von Neukölln


Einleitungsreferate

Prof. Dr. Jörg Ramseger, Leiter des Instituts für Bildungsforschung an der Freien Universität Berlin  verdeutlichte  an vielen Beispielen aus dem In- und Ausland den Wandel des Bildungs- und Lernbegriffs und die Parallelen zu Arbeitsformen in der Arbeitswelt. Er kritisierte das Festhalten an starren Normen wie zum Beispiel dem Standardraumprogramm des Senats für Klassenräume. Die vielen heute selbstverständlichen Formen des Lernens machten flexible, veränderbare Räume erforderlich. Seine These: Schularchitektur und Schulgestaltung können pädagogische Prozesse fördern und unterstützen, aber auch nachhaltig behindern oder gar verunmöglichen. Deshalb sind fünf Grundsätze pädagogischen Bauens zu beachten: „Form follows Function“ – in Funktionsflächen denken, nicht in Klassenräumen! Außerdem: Schule für den ganzen Tag denken und die inklusive Schule denken. Partizipation der Betroffenen ist schon in der Planungsphase zu sichern. Schließlich sollte die Identifikation der Betroffenen mit ihrer Schule ermöglicht werden.    

+++ siehe Schule/Arbeit-Bilder rechts (nach einer Idee von Prof. Dr. Jörg Ramseger) ++++++++++++++++

 

Prof. Dr. Thomas Coelen von der Universität Siegen zeigte anhand von Untersuchungen inzwischen bundesweit entstandener Bildungsnetzwerke und Bildungsverbünde, welche Erwartungen Stadtentwickler und Bildungspolitiker daran knüpfen. Sie sehen Bildungsnetzwerke als Instrumente zur Herstellung von Chancengleichheit in schwierigen Quartieren. Bildungsnetzwerke erzeugten Synergien, sodass einzelne Einrichtungen mehr anbieten könnten als alle jeweils alleine. Aber solche Bildungsnetzwerke müssten nicht notwendigerweise auf einen Campus konzentriert sein. Dann ginge die Offenheit möglicherweise verloren und unnötige Konkurrenzen würden die Vorteile wieder nehmen.

Eine weitere in Politik und Verwaltung weit verbreitete Erwartung sei die Abstimmung an den Übergängen von der Kita in die Schule, von der Grundstufe in die Sekundarstufe usw. Leider würde diese nur sehr selten erfüllt. Auch das räumliche Zusammenrücken von Einrichtungen führe nicht automatisch zur Kooperation. Da müsste noch viel mehr geschehen. Prof. Coelen kritisierte schließlich die Tendenz von Schulen, Sozialarbeiter und Erzieher der freien Jugendhilfe in die Schulen hineinzuziehen. So gehe den Jugendlichen der Freiraum außerhalb der Schule verloren.

Ergebnisse der Workshops

Der Workshop 1 „Räume zum Lernen und Leben“ wurde von Prof. Dr. Jörg Ramseger geleitet. Gastgeberin war die stellvertretende Schulleiterin der Gemeinschaftsschule, Stephanie Rodegra. Insbesondere die Gemeinschaftsschule wünscht sich eine anregende Lernumgebung und eine kindnahe Pädagogik. Dazu soll die Schule als gemeinsamer Lebensraum für Schüler und Erwachsene  gestaltet werden. Es tauchte das Wort „echter Ganztagsbetrieb“ auf. Die Räume müssen flexibler werden und an individuelle pädagogische Konzepte angepasst werden können. Eine Campus-übergreifende Entwicklung ist wünschenswert. Dazu bedarf es einer zentralen „Drehscheibe“. Sport soll als verbindendes Element identitätsstiftend sein. Schülerinnen und Schüler sollen Verantwortung beim Erhalt ihrer Räume übernehmen.

Der Workshop 2 „Räume zum Lernen und Leben“ wurde von Frau Dipl.-Psych. Corinna Gottmann geleitet. Gastgeber war hier der Schulleiter der benachbarten Gemeinschaftsschule Walter Gropius, Gerald Miebs. Der Bedarf an weiterem konzeptionellem Nachdenken über Pädagogik und Baukultur ist groß. Es muss nach  Vorbildern gesucht werden, die zu einem positiven Bild von der Berliner Schule  beitragen. Die Clusterschule steht dabei im Mittelpunkt. Alle Beteiligten, auch der Brandschutz sollen frühzeitig in die Prozesse einbezogen werden.  

Der Workshop 3 „Kommunikations- und Konflikträume“ wurde von Felix Bentlin von der Freien Universität Berlin geleitet. Gastgeber war der Schulleiter der Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg, Reinald Fischer. Die Arbeitsgruppe hat sich die Orte angeschaut und Nutzungskonflikte und Handlungsbedarfe ermittelt. Nur Belebung  und Gemeinschaftsnutzungen, nicht die Zäune verhindern Vandalismus. Wer randalieren will, wird durch Zäune nicht abgehalten sondern geschützt.  Aber für den Unterhalt für die Pflege der Flächen  sind klare Verantwortlichkeiten zu klären.Was schön und gepflegt ist, wird nicht so leicht kaputt gemacht. Ein Wegeleitsystem sollte her und Fahrradverkehr ermöglicht werden. Die Eingänge sollten besser sichtbar werden. Beleuchtung ist wichtig. Die Straßen um den Campus Efeuweg müssen unbedingt verkehrsberuhigt werden. Der Wirtschaftsverkehr muss neu geregelt werden. Zur Belebung werden auch ein Hochseilgarten und Schulgärten vorgeschlagen. Pausenaufenthalte insbesondere für die Kleinsten müssen geschützt werden. 

Der Workshop 4 „Grenzen, Übergänge, Verknüpfungen“ wurde von Anna Juliane Heinrich von der Technischen Universität Berlin geleitet. Gastgeberin war Judith Francke, die Leiterin der Grundstufe der Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg.  Es liegt auf der Hand, vor dem OSZ einen öffentlichen Platz zu gestalten und die Sichtbeziehungen zum Campus herzustellen. Aus Zäunen sollten Hecken werden oder Wassergräben. Schüler, Anwohner, ältere Menschen und Kinder sollten vom Efeuweg einen freien Zugang zum Campus-Forum erhalten. Durch Offenheit ist soziale Kontrolle möglich.  Am OSZ sollte ein Betriebskonzept für Gasträume erstellt werden. Hier hätte ein Café mit einem professionellen Betreiber Platz. Der Efeuweg sollte für gemischte Nutzer hergerichtet werden. Der Eingang zur Gemeinschaftsschule soll offen sein. Schüler und Studenten sollten bei der Gestaltung der Straßen beteiligt werden. Straßenkissen zur Verkehrsberuhigung?

Der Workshop 5 „Ort für die Nachbarschaft“ unter der Leitung von Mari Pape, Technische Universität Berlin, mit den Gastgebern Michaela Stanic (Kita Dreieinigkeit) und Jens Bauermeister (Pflegeeinrichtung Haus Rudow), kam zunächst zu dem Ergebnis, dass der Campus noch kein Ort für die Nachbarschaft ist. Die erste wichtige Maßnahme sei der Ausbau der Campus-Promenade, die alle Einrichtungen verbindet. An dieser Promenade können Orte des Aufeinandertreffens angegliedert werden, z.B. der Eingangsbereich des neuen OSZ, der Gemeinschaftsschule und das Forum als Scharnier. Insgesamt sollte sich der Campus öffnen und andere Nutzergruppen einladen. Das Forum sollte 700 Menschen aufnehmen können und halbüberdacht sein und starke Wegebeziehungen bekommen. Hier fehlen ein Café und Spielgelegenheiten. Für Ältere sollte es ein Ort sein, „mal was zu erleben.“

Der Workshop 6 „Identifikation, Aneignung, Heimat“  wurde von Annekathrin Schmidt und Marta Freire von der Deutschen Kinder und Jugendstiftung geleitet. Fünf Schüler*innen des 10. Jahrgangs der Gemeinschaftsschule  waren die Gastgeber. Sie suchten gemeinsam fünf wichtige Orte auf und wollten beispielsweise Unisex-Toiletten mit mehr Spiegeln und mehr Farbe. Der Schülerprojektraum hat den Vorteil, dass man da mal unter sich sein kann. Es fehlen aber Sofas. Die Helligkeit des Treffpunkts Foyer gefällt, kritisiert wird, dass Mit-dem-Handy-Spielen verboten ist. Hier wird eine Trennung der Altersgruppen gewünscht. Das ist auch das Gute an den selbst gebauten Bänken neben der Mensa, man ist von anderen getrennt und hat einen guten Blick auf die Aufsicht führenden Lehrer. In der Mensa gefällt das gemeinsame Mittagessen. Sie ist kein Ort des Unterrichts, aber ein Ort des Sehens und des Gesehen-Werdens. Einig waren sich die Schülerinnen und Schüler, dass es darauf ankommt , bei Planung und Gestaltung mitreden zu können.

Der Workshop 7 „Zentrum für Sprache und Bewegung“ unter der Leitung von Tim Kleyer, dem Geschäftsführer des Architektenbüros kleyer.koblitz.letzel.freivogel und dem Gastgeber Frank Bielka, ehemaliger Vorstand der Wohnungsgesellschaft degewo, fand, dass „Sprache und Bewegung“  als Motto für den gesamten Campus gelten soll. Das Zentrum selber sei ein Zentrum für Bewegung und soll als Visitenkarte die Brücke zur Bevölkerung schlagen. Offen wurde diskutiert, ob eher ein Ort für kleine Kinder, beispielsweise als Kita, entstehen soll  oder ein alle einbeziehendes Stadtteilzentrum, wie es das 500 m weiter an der Wutzkyallee gibt. Es könnten hier Bildungsangebote der VHS gemacht werden und/oder bewegungstherapeutische Angebote. Es könnte ein Café entstehen oder ein offener  Versammlungsraum. Das Zentrum sollte dann 7 Tage in der Woche geöffnet sein.     

Der Workshop 8 „Profil einer Bildungslandschaft“ wurde von Barbara Pampe, Montagstiftung Jugend und Gesellschaft, geleitet und war zu Gast bei Petra Christiansen, Leiterin des Oberstufenzentrums Lise-Meitner. Der ungewöhnlichste Vorschlag war der, das Sportfeld des degewo-Stadions in ein Kartoffelfeld umzuwandeln. Der Gedanke dahinter war die Aneignung des Raums durch die Nutzer. Folgende Profilelemente wurden erarbeitet: Niedrigschwelligkeit und Beteiligung (Fähig machen zur Beteiligung, offene Schulgarten- und Spiellandschaft); Fortlaufende Bildungsbiographie durch Zusammenarbeit über  die Jahrgänge hinaus; Interesse an NaWi und Berufsorientierung (Berufefest, Firmen aus der Umgebung einladen); Öffnung für kulturelle Veranstaltungen. Das Profil kann unterstützt werden durch  Entdeckungs- und Ausstellungsräume, Sitzgruppen an Verbindungsknoten, kurze Wege, Café und  Ausstellungen.

Fazit von Meinhard Jacobs, Oberschulrat in Berlin-Neukölln
Mit großer Klarheit und Anschaulichkeit wurde  deutlich gemacht, in welch hohem Maße der pädagogische Erfolg von Schule tatsächlich von den räumlichen Bedingungen, von „Architektur und Ambiente“ (Ramseger) abhängt. Deshalb ist es eine sehr bedeutsame Aussage, dass die Senatorin heute klargestellt hat, nicht nur eine „Task Force Schulbau“ zu bilden, die sich mit Planungsabläufen und Finanzierungsmodellen zur Beschleunigung des Baus neuer Schulen befasst, sondern ebenfalls eine „AG Raumqualität“, die auch die pädagogische Dimension des Bauens berücksichtigen soll. Zudem sollen die Musterraumprogramme überarbeitet werden.

Die vielen konkreten Ideen aus den Workshops dürfen nicht verloren gehen. Auch deshalb ist es wichtig, dass die intensive Kooperation und Kommunikation nicht nur zwischen den beteiligten Senatsverwaltungen und dem Bezirk, sondern auch mit den Nutzern und den Anwohnern weitergeführt wird.  Für mich stellen Konzeption, Zielausrichtung und Praxis des Campus eine wesentliche Voraussetzung dar, um die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft zu verringern. Dazu gehört der gebundene Ganztag in einer schönen und zielunterstützenden Umgebung, die den sozialen Kontakt und den Zusammenhalt auch in Richtung des Sozialraums hin unterstützt.

Fazit von Jan-Christopher Rämer, Bildungsstadtrat von Neukölln
Durch den großen bildungspolitischen Konsens hinsichtlich des Investitionsbedarfs in Schulräumen in Berlin und mit den angekündigten Finanzmitteln gibt es jetzt ein geöffnetes Fenster für Investitionen in den Campus Efeuweg. Von hier geht heute ein Impuls an die Entscheider aus. Wir haben heute gehört, dass Bezirk  und Senat das Projekt gemeinsam unterstützen und dass wir uns wechselseitig dabei brauchen. Damit haben wir heute auch Weichen für die Zukunft gestellt. Der Campus Efeuweg ist ein Bildungs- und Stadtentwicklungsprojekt, bei dem es auch um soziale Gerechtigkeit geht. Die Investitionen tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft zusammen gehalten wird.

Hier wurde über den Ganztagsbetrieb diskutiert. Ich unterstütze den Ganztag, auch weil er die Bedingungen zum Demokratie-Lernen verbessert.  Wir müssen auf dem Campus Efeuweg eine Balance finden zwischen  Offenheit und  Sicherheit. Wir wollen den Ort als Kulturort für die Menschen in der Gropiusstadt gestalten. Wir wollen Kooperationen nicht nur auf dem Campus sondern auch mit den Einrichtungen im Gebiet. Wir wollen den Campus als einen Ort, wo man gerne hingehen möchte. Das Forum wird deshalb das Herz für alle, die sich hier aufhalten möchten. Die Visitenkarte am Eingang zwischen der Gropiusstadt und Rudow soll das Zentrum für Sprache und Bewegung werden.

Text: E.Heußen

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